Bildungspaten eröffnen Perspektiven
Laut 16. Shell Jugendstudie (erschienen 2010) sehen insgesamt 59% der Jugendlichen ihrer Zukunft zuversichtlich entgegen. Bei Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien sind es nur 33%. Während insgesamt 71% der Jugendlichen überzeugt sind, sich ihre beruflichen Wünsche erfüllen zu können, sind es nur 41% bei den Jugendlichen aus sozial schwierigen Verhältnissen. Die Sinus-Jugendstudie u18 (erschienen 2012) bestätigt dies. Viele Jugendliche mit niedrigem Bildungsniveau und einem eher traditionell geprägten Wertesystem (Milieu "Prekäre") erleben Schule als einen Ort von Misserfolg und Konflikt und trauen sich selbst wenig zu. Viele von ihnen haben Angst vor Arbeitslosigkeit als Lebensbegleiter, sind jedoch bei der beruflichen Orientierung in hohem Maße orientierungslos bzw. haben unrealistische Berufswünsche.
Paten und Mentees im Gespräch bei der Auftaktveranstaltung an der Schule.
Hier setzen freiwillige Patenprojekte an, die Jugendliche beim Übergang von der Schule in den Beruf begleiten. Im Freiwilligen Zentrum Mönchengladbach ist im Herbst 2011 das Projekt "Bildungspaten" gestartet, das im Rahmen des Städtebauförderungsprogramms "Soziale Stadt" zwei Jahre lang finanziell gefördert wird.
Im Projekt kooperiert das Freiwilligen Zentrum mit einer Hauptschule. 14 Mädchen und Jungen der 8. und 9. Klassen - Mentees genannt - haben nun einen Paten, (bzw. eine Patin), mit dem sie sich regelmäßig treffen und je nach Bedarf am schulischen Lernerfolg, den Berufsperspektiven oder der Bewerbung arbeiten. Einmal monatlich treffen sich die Paten zum Austausch und zur Reflektion ihrer Erfahrungen. Im Folgenden sind einige wichtige Erkenntnisse zusammengefasst:
1. Ein vertrauensvoller Beziehungsaufbau braucht sehr viel Zeit.
In den ersten Wochen war das gegenseitige Kennenlernen wichtiger als direkt mit Lernförderung oder Berufsorientierung einzusteigen. Einige Paten mussten in diesem Prozess ihre hoch gesteckten Ziele überdenken. Alleine den Mentees durch die Treffen Interesse, Wertschätzung und Anerkennung entgegenzubringen ist ein wichtiges Ziel des Projektes. Für einige Jugendliche bestand ein erster wichtiger Entwicklungsschritt darin, vereinbarte Termine einzuhalten bzw. rechtzeitig vorher abzusagen.
2. Patenschaftsprojekte erfordern spezielle Kompetenzen.
Das Projekt Bildungspaten richtet sich nicht nur an Jugendliche mit Migrationshintergrund, sondern an alle Schüler, die sich einen Paten wünschen. Dies sind in erster Linie Jugendliche aus sozial benachteiligten Milieus, die sich von der Patenschaft eine Verbesserung ihrer Ausbildungschancen erhoffen. Die Paten sind größtenteils sehr gebildete Menschen in (ehemals) guten beruflichen Positionen mit höheren Einkommen. Viele von ihnen haben in ihrem Alltag wenig Kontakte oder Berührungspunkte zu Menschen aus sozial schwächeren Milieus. Hier gilt es, den Prozess der gegenseitigen Annäherung bei Bedarf und im Rahmen der Reflexionstreffen fachlich zu begleiten und durch entsprechende Fortbildungsangebote wie z.B. zum Umgang mit Unterschiedlichkeit (Diversity) zu unterstützen.
3. Schule als wichtiges Bindeglied.
Paten können ihre Mentees besser begleiten, wenn sie über Lerninhalte, Stundenpläne und Aktivitäten an der Schule wie Projektwochen oder Tage der offenen Tür informiert sind. Auch die Möglichkeit, Schulleitung oder Klassenlehrer bei Fragen ansprechen zu können, ist wichtig.
4. Eltern als Unterstützer.
Auch Eltern jugendlicher Mentees sollte die Möglichkeit gegeben werden, die Paten im Rahmen von gemeinsamen Aktivitäten näher kennen zu lernen. Das gibt beiden Seiten Sicherheit. Schließlich wollen die Paten mit den Mentees eine Perspektive entwickeln, die auch von den Eltern positiv begleitet wird.
Tanja Kulig