Erholung ist es nicht immer gewesen
Erholung sei es nicht gewesen: "Man kam da hin, salopp gesagt, zum Auffleischen." Das sagt Martin R. heute. Als Achtjähriger wurde er 1965 zur Kur nach Allerheiligen im Schwarzwald geschickt, in eines der beiden Kinderkurheime der Caritas in der Diözese Mainz.
Zitate zu Druck und Zwang, Sanktionen und Gewalt oder auch Zensur, Folgen und Traumata hat der Caritasverband für die Diözese Mainz seiner Studie über Verschickungskinder in seinen beiden Einrichtungen vorangestellt. Im Juli dieses Jahres wurde sie veröffentlicht, begleitet von großer Medienresonanz.
Seit gut 20 Jahren berichten bundesweit Betroffene von ihren leidvollen Erlebnissen. Die Aufarbeitung zu den "Verschickungskindern" nimmt jedoch erst seit 2019 Fahrt auf mit der Gründung des "Vereins zur Aufarbeitung und Erforschung von Kinderverschickung". Seitdem befasst sich auch der Deutsche Caritasverband und mit ihm sein Fachverband Kinder- und Jugend-Reha (CKR) damit. Die Caritas hat gemeinsam mit Diakonie, Rotem Kreuz und der Deutschen Rentenversicherung eine wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag gegeben. 2025 soll sie vorgelegt werden.
Mit ihrer Studie will die Caritas in der Diözese Mainz ein Zeichen gegen Unrecht setzen. Diözesan-Caritasdirektorin Nicola Adick sagt es im Interview mit dem Deutschlandfunk am 2. Juli: "Wenn wir Unrecht nicht sichtbar machen, werden wir es auch in Zukunft nicht verhindern."1
Wie schwierig die Aufarbeitung sein kann, hat die Mainzer Studie aufgezeigt.2 Im eigenen Archiv fanden sich kaum Unterlagen. Beauftragt wurde 2023 das Büro für Erinnerungskultur Babenhausen mit einer umfassenden Recherche. Bundesweit wurde dafür nach Zeitzeug:innen gesucht, insbesondere in Westfalen-Lippe. Etwa ein Fünftel der Kinder in den beiden Mainzer Einrichtungen wurde vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Münster verschickt.
Trotzdem waren es nur 20 Personen, die sich seit 2019 beim Caritasverband für die Diözese Mainz gemeldet haben, erst direkt nach Veröffentlichung der Studie einige weitere. Die Recherchen haben jedoch aufgezeigt, dass es eine große Dunkelziffer geben muss. Auch wenn sicherlich bei weitem nicht alle Kinder schlechte Erfahrungen gemacht haben.
"Dieses ganze Haus war
durchtränkt mit Angst.
Man hatte vor allem Angst."
Sabine S., 1973 als Achtjährige in Allerheiligen
Bis zu zwölf Millionen Kinder in Westdeutschland sollten zwischen 1950 und 1980 in einer sechs- bis achtwöchigen Kur gesunden. Rund 1000 Einrichtungen nahmen sie auf, rund 15 Prozent davon in katholischer Trägerschaft. Vor allem in der Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1960er-Jahre war es infolge der mangelnden Ernährungslage ein Hauptziel, dass die Kinder Gewicht zulegen. Teilweise rigoros wurde deshalb darauf geachtet, dass die Teller leer gegessen wurden und vielfach musste anschließend eine streng überwachte Bettruhe von zwei Stunden in vorgeschriebener Liegeposition eingehalten werden.
"Die Briefe nach Hause wurden
kontrolliert, keiner durfte die
Wahrheit schreiben."
H., 1972 als Zwölfjährige in Allerheiligen
Auch wenn der Blick auf Kinder ein anderer gewesen sei, sagt Nicola Adick, war auch damals dieser hohe Druck nicht kindgerecht. Erbrochenes wieder aufessen zu lassen, was immer wieder von Betroffenen berichtet wird, sei trotz anderer pädagogischer Maßstäbe eindeutig Unrecht gewesen.
Mit Besserung der Ernährungslage verschoben sich die Indikationen für eine Kur, häufig hin zu Atemwegserkrankungen. Die Belegungszahlen sanken deutlich, Kurheime wurden geschlossen, die Kinderheilstätte in Bad Nauheim in Trägerschaft der Mainzer Caritas schon 1964, Allerheiligen folgte 1978.
Die Zahl der Kurkliniken und Heilstätten für Kinder im CKR ist von ehemals 100 Anfang der 1950er-Jahre auf aktuell acht gesunken, manche der ehemaligen Einrichtungen sind in Mutter-Kind-Kurhäuser umgewandelt worden.3
Was nichts daran ändert, dass das Leiden der Verschickungskinder auch Jahrzehnte danach aufgearbeitet werden muss: Um ihnen eine Stimme zu geben und Verantwortung dafür zu übernehmen.
1. Interview unter Kurzlink: https://tinyurl.com/nc14-24-Verschickungskinder
2. Studie des Caritasverbandes für die Diözese Mainz: Aufarbeitung und Dokumentation: https://tinyurl.com/nc15-24-studie-mainz
3. Broschüre 100 CKR: https://tinyurl.com/nc14-24-Kinder-Reha