Ziel ist ein gutes Leben für alle
Wie ist denn das gute und gelingende Leben zu definieren? Bei der Bundespressekonferenz zur Vorstellung der Stellungnahme "Klimagerechtigkeit" Mitte März dieses Jahres antwortete die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Alena Buyx: "Das ist eine Gretchenfrage, die wir in dem Bericht nicht entscheiden. […]. Das ist nicht unsere Zuständigkeit, irgendein perfektes Lebenskonzept vorzulegen, sondern wir rufen dazu auf, dass wir diese Transformation [gestalten], um für alle zukünftig ein gutes und gelingendes Leben tatsächlich gewährleisten zu können ..."1 Im Hintergrund steht die Idee einer "prozeduralen Gerechtigkeit"2, welche nicht über die normative Setzung zu einer Handlungsorientierung kommt, sondern über eine gerechte politische Beteiligung aller schon jetzt lebenden Menschen und der zukünftigen Generationen. Eine Vision vom guten und gelingenden Leben unter dem Vorzeichen sich dramatisch wandelnder Lebensbedingungen zu entwickeln, liegt also, vereinfacht ausgedrückt, nicht in der Verantwortung des Deutschen Ethikrates, sondern ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wie aber verorten sich die Kirche und ihre Caritas in diesem Prozess, und welchen Beitrag können sie aus ihrer christlichen Perspektive heraus leisten?
Zwischen christlichem Anspruch und Wirklichkeit
Für eine erste Orientierung in diesen Fragen ist es notwendig, zuerst auf den Ist-Stand zu blicken, um die Diskrepanz zwischen Realität und Vision aufzudecken. Dass zwischen dem manchmal zur Leerformel degradierten christlichen Anspruch "die Schöpfung zu bewahren" und der kirchlichen wie caritativen Praxis immer wieder ein garstiger Graben liegt, ist kein Geheimnis. Es ist im "Klima- und Umweltschutzbericht 2021 der Deutschen Bischofskonferenz" offengelegt, in dem der Bischofskonferenzvorsitzende, Georg Bätzing, schreibt, "dass wir in vielen Bereichen noch besser werden müssen"3. Der Deutsche Caritasverband ist in den letzten fünf Jahren mit Siebenmeilenstiefeln in der Bearbeitung der sozialen Seite der sozial-ökologischen Transformation vorangeschritten - nicht zuletzt mit der Kampagne "Für Klimaschutz, der allen nutzt"4. Und doch braucht es bei immer knapper werdenden Mitteln enorme Kraftanstrengungen, um nicht bei Etappensiegen stehenzubleiben.
Um von der Vision zur Wirklichkeit zu kommen ...
Um das vom Deutschen Ethikrat aufgezeigte Ziel der Klimagerechtigkeit und die von Kirche und ihrer Caritas verfolgte Vision der Bewahrung der Schöpfung zu erreichen, sind (mindestens) zwei Paradigmenwechsel nötig. Damit die sozial-ökologische Transformation zu einer inklusiven und partizipativen Gesellschaft führt, braucht es in allen klimarelevanten Sektoren wie Industrie, Verkehr, Energie und anderen den Paradigmenwechsel von der Effizienz zur Suffizienz: Nicht nur die immer effizientere Nutzung von Ressourcen führt zum Ziel, sondern die Frage, was gesamtgesellschaftlich (und letztendlich global und intergenerationell) wirklich gebraucht wird.5 Dies verlangt nach einem umfassenden Beteiligungsprozess, der mit dem zweiten Paradigmenwechsel zusammenhängt: Es gilt die Konkurrenz, sprich das Gegeneinanderausspielen unterschiedlicher Personengruppen, aufzugeben und von der gegenseitigen Abhängigkeit (Interdependenz) aller Gesellschaftsmitglieder und Institutionen her zu denken. Eine Logik von "Entweder-oder" kommt in einer sich dynamisch verändernden Gesellschaft mit hochkomplexen Wechselwirkungen an ihre Grenzen.
Gerade an dieser Stelle können Kirche und ihre Caritas einen gewichtigen Beitrag zur Transformation leisten, wenn sie deutlich machen: Es geht um das gute Leben ("Leben in Fülle; (Joh 10,10)) für alle Menschen. Das bedeutet eine Interessenvertretung derer, die bisher zu wenig am politischen Prozess beteiligt werden oder sich wenig beteiligen können. Es bedeutet gleichzeitig auch die Notwendigkeit des Lobbyierens für die Entwicklung niedrigschwelliger Beteiligungsformate, damit eine Transformation tatsächlich lebbar wird. Wenn der Deutsche Ethikrat kritisch anmerkt, dass "prozedurale Gerechtigkeit" nur gelingen kann, wenn jene mit einbezogen sind, die von Ungerechtigkeiten betroffen sind, ist dies der Ort des Einsatzes von Kirche und ihrer Caritas. Denn sie versuchen Beteiligung egalitär "von unten" und nicht elitär "von oben" umzusetzen. Für Kirche und ihre Caritas bedeutet das schließlich auch, dass - gleichberechtigt - neben den Wesensvollzügen der Liturgie und der Verkündigung, der Wesensvollzug der Diakonie steht, da in ihm der Anspruch zur Bewahrung der Schöpfung im selben Atemzug wie der Einsatz für Gerechtigkeit erfüllt wird. Um auch hier nicht in eine Hierarchisierung oder Konkurrenz der verschiedenen kirchlichen Vollzüge zu kommen, kann der letzte - die coinonia (Gemeinschaft) - helfen, wenn mit ihr betont wird, dass Gemeinschaft vor allem auch bedeutet, miteinander und voneinander zu lernen. Wenn die Verkündigung als politischer Einsatz, das diakonische Handeln als sozial-ökologische Anstrengung, die Liturgie auch als spirituelle Bewusstseinsbildung und die Gemeinschaft der Glaubenden als gemeinsamer Lernweg der Kirche zusammenklingen, können Kirche und ihre Caritas einen erheblichen Beitrag zur sozial-ökologischen Transformation leisten.
Kirche und Caritas können von der Transformation profitieren
Umgekehrt gilt genauso, dass Kirche und ihre Caritas von der sozial-ökologischen Transformation profitieren können, indem sie im Prozess selbst verwandelt werden. Wenn sie sich für gerechte Beteiligungsprozesse im politischen Prozess einsetzen, kann das nur bedeuten, diese auch im eigenen Bereich umzusetzen. Dies betrifft Entscheidungsfindungsprozesse auf allen Ebenen: angefangen bei der synodalen Verfasstheit von Kirche über die Gestaltung der Art der Zusammenarbeit nach christlichen Werten bis hin zur Frage der Ernährung in caritativen Einrichtungen.
Das Denken in Suffizienz und Interdependenz sowie das Bewusstsein, dass "[a]lles […] miteinander verbunden"6 ist, kann dabei helfen, Rückzugsgefechte nach "außen" und die Verteidigung der eigenen Pfründe nach "innen" aufzugeben. Gelingen diese Paradigmenwechsel im Denken und Handeln, können Grabenkämpfe und die Verwaltung des (vermeintlichen) Mangels aufgegeben werden. Stattdessen werden Ressourcen (in Form von motivierten Mitarbeitenden, ungenutzten Immobilien und einer bemerkenswerten Botschaft) sichtbar, die nicht zu sehen schon an feigen Zynismus grenzt.
Sich nicht Lösungen vorsetzen zu lassen, sondern den Prozess mitzugestalten aus dem Bewusstsein der Fülle heraus, ist ein gesamtgesellschaftlicher wie kirchlicher Lernprozess und ein wichtiger Schritt in Richtung eines guten Lebens für alle.
1. Das Video ist einsehbar unter Kurzlink: https://tinyurl.com/nc-24-16-ethikrat, das Zitat findet sich ab Minute 12.
2. Deutscher Ethikrat: Klimagerechtigkeit. Stellungnahme, Berlin, 2024, S. 71. Die Stellungnahme kann heruntergeladen werden unter Kurzlink: https://tinyurl.com/nc-24-16-klima
3. Deutsche Bischofskonferenz: Unser Einsatz für die Zukunft der Schöpfung. Klima- und Umweltschutzbericht 2021 der Deutschen Bischofskonferenz (Arbeitshilfen Nr. 327), Bonn, 2021, 5.
4. www.caritas.de/magazin/kampagne/fuer-klimaschutz-der-allen-nutzt
5. Vgl. dafür die drei Dimensionen der Klimagerechtigkeit, Deutscher Ethikrat: Klimagerechtigkeit. Stellungnahme, Berlin, 2024, S. 58-79.
6. Papst Franziskus: Apostolisches Schreiben Laudate Deum an alle Menschen guten Willens über die Klimakrise (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 238), Bonn, 2023.