„Mein erstes Dienstfahrzeug war ein Fahrrad, später ein Trabant“
neue caritas: Wie kam die Caritas nach dem Zweiten Weltkrieg und der Errichtung des Erzbischöflichen Amtes Görlitz wieder zu tragfähigen Arbeitsstrukturen in der Region?
Prälat Johannes Zinke, den ich noch kennenlernte, war der Mann der ersten Stunde. Von der Caritas-Zentralstelle aus, die im Ost-Berliner St.-Hedwigs-Krankenhaus untergebracht war, führte er schon vor Gründung der DDR Gespräche mit Vertretern der sowjetischen Besatzungsmacht. Sein Ziel: Die Zukunft kirchlich-caritativer Einrichtungen zu sichern - auch im Gebiet des heutigen Bistums Görlitz. Neben der Zentralstelle war die Caritas in der DDR als Pfarr-, Dekanats- und Diözesan-Caritas strukturiert.
Auf welchen Wegen hast du selbst zur Caritasarbeit gefunden?
Als gelernter Elektromonteur kam ich 1962 als Quereinsteiger ins "Seminar für den kirchlich-caritativen Dienst" im sächsischen Leisnig, um mich zum "Caritasfürsorger" ausbilden zu lassen. Von 1964 bis 1975 war ich dann als "Dekanatsfürsorger" für 14 katholische Pfarreien im Dekanat Senftenberg/Finsterwalde im Einsatz, das heißt, überwiegend für die wenigen Katholik:innen tätig.
Das klingt nach weiten Wegen übers brandenburgische Land ...
Ja, wir hatten eine "Geh-Struktur", also aufsuchende Arbeit mit vielen Hausbesuchen bei den verstreut lebenden Diaspora-Katholik:innen mit ihren unterschiedlichen sozialen Bedarfen. Das hatte auch Vorteile: War der Anlass beispielsweise eine notwendige Vermittlung ins Krankenhaus oder Altersheim, konnten mir "nebenbei" weitere familiäre Bedarfe auffallen, auf die ich später zurückkam. Mein erstes Dienstfahrzeug war ein Fahrrad, aber bald schon ein Trabant. Die fünf größten Pfarreien im Dekanat mussten im Rahmen des "Pfarrbeitrags" den Großteil meines Gehalts von 280 Mark zusammenbringen. Zusätzlich zu dieser allgemeinen sozialen Arbeit hatte jede:r Dekanatsfürsorger:in ein oder zwei "Spezialgebiete". In meinem Fall war das die Gehörlosen-Arbeit, die vor allem im Anbieten gemeinsamer Tage für die verstreut lebenden Menschen mit dieser Einschränkung bestand. Du und dein Bruder Sebastian wart als Kinder öfter und gerne mit dabei. Zudem war ich Ansprechpartner für die Anliegen alleinerziehender Mütter - von denen wegen meiner Arbeitsbelastung eine mal anerkennend zu eurer Mutter sagte: "Eigentlich gehören Sie auch in unseren Kreis!"
Bestimmt ließ sich nicht alles "innerkirchlich" bewältigen. Wie waren deine Erfahrungen mit staatlichen Stellen?
Recht unterschiedlich, je nach zuständiger Person. Viele Funktionsträger:innen waren insgeheim froh, dass die Caritas bestimmte Freiräume hatte, über die sie selbst nicht verfügten. Sie durften beispielsweise nicht mit Angehörigen von betreuten Personen in Westdeutschland oder Westberlin korrespondieren. Aber manche Staatsvertreter:innen waren ideologisch so überzeugt, dass sie deshalb oder auch aus Angst die Caritas nicht akzeptierten.
Erinnerst du dich an jemanden im Besonderen?
Die Leiterin der Abteilung Gesundheits- und Sozialwesen Finsterwalde hatte eine Sekretärin, die wie sie in der SED war.
In der Partei-Hierarchie stand die Sekretärin über ihr. Die Leiterin hatte die sozialpolitische Verantwortung für die Finsterwalder:innen, doch die Sekretärin konnte sie jederzeit vor dem Parteikollektiv "zur Rechenschaft ziehen". Also war sie sehr zurückhaltend im Umgang mit der Caritas. Der Begriff Caritas war übrigens in diesen Kreisen nicht gängig - angekündigt wurde ich stets mit den Worten: "Der kommt von der katholischen Kirche."
Aber es gab auch persönlich anders gestrickte Staatsvertreter?
Es gab auch solche mit Gerechtigkeitssinn, denen wir unter uns den Ehrentitel "Edelkommunist" gaben. So einer war der Leiter der sogenannten Wohnraumlenkung in Senftenberg. Als er mitbekam, dass ich bei der Zuweisung des knappen Wohnraums faktisch boykottiert worden war - eine uns bereits zugesagte Wohnung wurde dann doch anderweitig vergeben -, sorgte er dafür, dass unsere Familie mit inzwischen drei Kindern endlich eine 56-Quadratmeter-Wohnung in Großräschen bekam. Nach den sehr beschwerlichen Provisorien zuvor eine echte Erleichterung.
Caritas im geteilten Deutschland
Grenzenlose Nächstenliebe
"Not sehen und handeln"- engagierte Katholikinnen und Katholiken trugen dieses Leitwort durch die verschiedenen Kapitel der deutschen Geschichte. Auch in der sozialistischen DDR, mitten im Kalten Krieg, setzten sie den Dienst an den Nächsten fort. Wie dies trotz staatlicher Einschränkungen möglich war, auf welche Weise Ausbildung und Wirken organisiert werden konnten und welche Auswirkungen das Engagement für ihr persönliches Leben hatte, erfahren Sie von Prälat Hellmut Puschmann, Andreas Rölle, Brigitte Schmeja, Klara Ullrich und Alois Wolf. Filmemacher Martin Scharke setzt ihre Erfahrungen spannend in Szene im Dokumentarfilm
"Grenzenlose Nächstenliebe: Caritas im geteilten Deutschland".
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Angela Berger, Projektleitung Civic Data Lab, DCV, Berlin