„In sozialen Medien hat die AfD teils die höchste Reichweite“
Bei den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen haben viele Wähler:innen unter 30 Jahren die AfD gewählt: 35 und 29 Prozent. Diese Altersgruppe ist nach der Wende geboren, wurde nicht mehr in der DDR sozialisiert. Wie erklären Sie sich diese Werte?
Diese jungen Menschen befinden sich inmitten ihrer politischen Sozialisation, haben noch keine feste Parteiidentifikation und sind flexibel in ihrer Wahlentscheidung. Das macht sie anfälliger für die Mobilisierung durch die AfD. In den sozialen Medien hat die AfD teilweise die höchste Reichweite von allen Parteien. Mit ihren Themen und Frames spricht sie junge Menschen dort gezielt an. Dazu kommt, dass junge Menschen in Ostdeutschland stärker als in Westdeutschland in einem sozialen Umfeld aufwachsen, in dem die AfD schon jetzt als "normale" Partei wahrgenommen wird. Wenn Freund:innen, Familie und Leute in der Schule dieses Bild vermitteln, kann die Partei zur Wahloption werden.
Handelt es sich bei dem Wahlverhalten um eine Protestwahl wegen der als zerstritten wahrgenommenen Ampelkoalition oder um den Ausdruck fester rechter Positionen?
In Umfragen zeigt sich, dass es etwa 80 Prozent der AfD-Unterstützer:innen "egal" ist, dass die AfD in Teilen rechtsextrem ist, solange sie die richtigen Themen anspricht. Trotzdem ist es ein großer Irrglauben, dass es sich nur um eine Protestwahl handle. Alles auf die Kritik an der Ampelregierung zu schieben greift zu kurz. Gerade in Ostdeutschland war die AfD schon lange erfolgreich - auch unter jungen Wähler:innen. Wenn man weiter zurückblickt, erkennt man ein relativ hohes Wählerpotenzial anderer Rechtsaußenparteien, etwa der NPD. All das spricht dafür, dass es sich um einen Ausdruck verfestigter Einstellungen und Positionen handelt. Auch die AfD schafft es, bestehende Ängste und Bedürfnisse junger Menschen in Ostdeutschland gezielt aufzugreifen und sie weiter zu verstärken.
Was sollten die etablierten Parteien tun, um junge Wähler:innen im Osten zurückzugewinnen? Hilft es, wenn Politiker:innen Forderungen der Rechten aufgreifen?
Zahlreiche Studien und auch Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass Parteien durch Übernahme von Rechtsaußenpositionen und -frames keine Wähler:innen zurückgewinnen. Stattdessen werden diese Positionen so langfristig normalisiert. Wähler:innen von Rechtsaußenparteien wenden sich dann nicht den etablierten Parteien zu, die einen "Rechtsruck" vollzogen haben, sondern wählen das "Original". Die anderen Parteien müssen sich deswegen viel stärker die Frage stellen, wie sie das Vertrauen der Bürger:innen zurückgewinnen - denn hier handelt es sich um ein Phänomen, das weit über die Wählerschaft der AfD hinausgeht! Sie müssen wieder mehr mit den Menschen in Kontakt treten, vor Ort wie online. Langfristig muss der Fokus auf der Stärkung der liberalen Demokratie liegen - und die ist in Deutschland nicht von den Parteien zu trennen.