Das Streben nach mehr Ruhe
Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt ist für die Caritas in Nürnberg, der Stadt der Menschenrechte, bereits seit 1993 ein Thema: Damals eröffnete der Caritasverband Nürnberg das Frauenhaus Hagar. Um im Jahr 2020 - nur drei Jahre nach der Ratifikation der Istanbul-Konvention durch Deutschland - konsequent den nächsten Schritt zu gehen: Die Männerschutzwohnung Riposo wurde etabliert.
Selbst wenn es in der Öffentlichkeit nicht so präsent ist: Auch Männer erfahren unterschiedliche Formen der Gewalt in ihrer häuslichen Umgebung. Sie werden gedemütigt, bedroht oder geschlagen - unabhängig von Alter, Religion, Herkunft oder sexueller Orientierung. Die Bandbreite reicht von Zwangsverheiratung in jungen Jahren bis hin zur handgreiflichen Eskalation in einer Jahrzehnte andauernden Ehe.
Jeder hat das Recht, aus einer gewaltgeprägten Beziehung auszusteigen. Mit der Männerschutzwohnung Riposo schaffte die Caritas Nürnberg einen Schutzraum für von häuslicher Gewalt bedrohte Männer und erweiterte das Angebot damit in Bayern deutlich. Denn auch in anderen Bundesländern gibt es nur selten ähnliche Einrichtungen: In Nordrhein-Westfalen gibt es immerhin sechs Wohnungen, in Sachsen gibt es drei, in Bayern inzwischen zwei Einrichtungen. Es folgen die Länder Baden-Württemberg und Niedersachsen mit jeweils einer Schutzeinrichtung.
Summa summarum sind das gerade mal 41 Schutzplätze für ganz Deutschland1 bei insgesamt 75.561 von der Kriminalstatistik erfassten, männlichen Opfern im Jahr 2023. Das entspricht 29,5 Prozent aller Opfer von häuslicher Gewalt. Im selben "Bundeslagebild Häusliche Gewalt 2023"2 sind bundesweit 167.865 Menschen aufgeführt, die Opfer von Partnerschaftsgewalt wurden, weitere 88.411 wurden Opfer von innerfamiliärer Gewalt. Die Dunkelziffer der tatsächlichen Vorkommnisse dürfte jedoch weitaus höher liegen.
41 Plätze in Schutzeinrichtungen für 75.561 männliche Opfer
Bei näherer Betrachtung der verschiedenen Erscheinungsformen häuslicher Gewalt wird schnell klar: Eigentlich sollte von Gewalt gegenüber Menschen die Rede sein. Denn groß sind die Unterschiede zwischen weiblich oder männlich geprägter Gewaltausübung nicht. Bei Frauen lässt sich eine leichte Tendenz zur psychischen Form beobachten, wohingegen die Männer überwiegend massiv handgreiflich werden sowie zu sexuellen Übergriffen neigen.3
Geschlechtsunabhängig geht es um körperliche oder physische Gewalt wie Schlagen, Treten, Beißen, Würgen, Werfen mit Gegenständen, also körperliche Angriffe bis hin zu Tötungsdelikten. Drohung, Nötigung, Erpressung, Stalking sowie das zunehmende Cyberstalking und -bullying sind an der Tagesordnung. Im Einzelnen nennen die betroffenen Männer: Missachtung, Demütigung, Einschüchterung, Bloßstellen, emotionale Manipulation, Benutzen der Kinder als Druckmittel oder andauernde, grundlose Beschimpfung. Auch die negative Beeinflussung des sozialen Umfelds des Opfers, die Unterbindung von Sozialkontakten sowie ökonomische Gewalt sind Bestandteil vieler Leidensgeschichten.
Bei all dem Leidensdruck muss die Aufnahme in die Schutzwohnung schnell und unbürokratisch sein und sie ist es auch: Nach einem Erstkontakt, zumeist per Telefon oder Mail, findet ein Clearing-Gespräch in den Büros der Caritas oder per Videochat statt. Im Anschluss wird ein Einzugstermin vereinbart, in Akutfällen kann die sofortige Aufnahme erfolgen. Regulär können vier, im Notfall sogar fünf Männer, auch mit ihren Kindern, im Riposo Zuflucht finden. Die Adresse wird zum Schutz der Klienten geheim gehalten.
Das Riposo (ital.: Ruhe, Erholung) bietet einen vorübergehenden Aufenthalt von bis zu maximal einem halben Jahr, die durchschnittliche Verweildauer beträgt derzeit 90 Tage. Die Nachfrage übersteigt die Kapazitäten: Abzüglich Kontaktabbruch oder Nicht-Erfüllen der Aufnahmekriterien mündet jede dritte Anfrage in einer Aufnahme. Die Klienten mieten sich in diese Wohngemeinschaft ein, sie organisieren ihren Tagesablauf und den ihrer Kinder selbstverantwortlich. Zur Verfügung steht ein möbliertes Zimmer. Der Sanitärbereich, Wohnzimmer und Küche mit Essplatz werden gemeinsam benutzt. Betreut und in den Amtsangelegenheiten unterstützt werden die Männer von einem Team mit sozialpädagogischer Ausbildung.
Die Finanzierung erfolgt durch eine Förderung des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales sowie einem Eigenanteil des Caritasverbandes Nürnberg. Eingebettet ist die Einrichtung in das regionale Männerhilfenetzwerk, das sich aus kommunalen, staatlichen und anderen Teilnehmern aus Kirche und Wohlfahrt zusammensetzt.
Angebot muss ausgebaut werden
Auch über ein Jahrzehnt nach der Verabschiedung der Istanbul-Konvention ist in deren Umsetzung noch viel Luft nach oben. Allein das Angebot an Betreuungsplätzen für Betroffene von häuslicher Gewalt egal welchen Geschlechts ist deutschlandweit sehr unterschiedlich und insgesamt immer noch zu gering. Faktoren wie der generelle Mangel an (Sozial-)Wohnraum und die daraus resultierende längere Verweildauer führen dazu, dass eine adäquate Hilfe nicht in jedem Fall leistbar ist.
1. Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz: Männerschutzeinrichtungen in Deutschland - Nutzungsstatistik 2022, 2023.
Kurzlink: https://tinyurl.com/nc16-24-Maennerschutz
2. Bundeskriminalamt: Mehr Opfer Häuslicher Gewalt. Bundeslagebild 2023. Wiesbaden, 2024.
Kurzlink: https://tinyurl.com/nc16-24-BKA
3. Schemmel, J.; Goede, L.-R.; Müller, P.: Gewalt gegen Männer in Partnerschaften - Eine empirische Untersuchung zur Situation in Deutschland. Baden-Baden, 2024.
Kurzlink: https://tinyurl.com/nc16-24-maenner-gewalt