Ausbildung realistisch organisieren
Wie lässt sich die Ausbildung zur Kita-Fachkraft realistisch organisieren? Aus dieser Frage heraus ist das Projekt (und auch der Name) "AKiro" im Caritasverband für das Bistum Aachen entstanden. Wegen des Rechtsanspruchs auf einen Kindergartenplatz zeigt sich der Fachkräftemangel bei Kindertagesstätten in besonderem Maße. Um dieser Personalnot zu begegnen, ist mehr Teilhabe unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen am Arbeitsmarkt nötig. Denn: Partizipationsquoten sind die größte Stellschraube für die Beschäftigung, wie Daten des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) zeigen.1 Das heißt: Barrieren zu qualifizierten Jobs müssen abgebaut werden, gerade dort, wo die Personalkrise besonders drängt – etwa in Kindertagesstätten.
Die erste dieser Barrieren ist die Ausbildung. Deshalb soll das Modellprojekt "AKiro" die Kita-Ausbildung so gestalten, dass diese auch Personen anspricht, die bislang selten Zugang finden. Konkret heißt das:
◆ geeignete Personen, die Care-Arbeit leisten und deshalb auf ein verlässliches Einkommen angewiesen sind, jedoch nicht in Vollzeit arbeiten und lernen können;
◆ geeignete Personen, die weniger zum klassischen Schulsystem passen und flexible sowie individualisierte Lernformen brauchen;
◆ Wechsler:innen aus anderen Berufen, die etwa nach einer Familienphase in den Kita-Bereich wechseln möchten, jedoch nicht bereit sind, sich in ihrem Lebensstandard einzuschränken;
◆ geeignete Kinderpfleger:innen und Sozialassistent:innen oder andere Hilfskräfte, die in einer beruflichen Sackgasse sind und bislang keinen realistischen Zugang zu Weiterqualifikation finden.
"AKiro" nimmt somit Menschen in den Blick, die zwar überwiegend über die formalen Voraussetzungen für eine Ausbildung im Kita-Bereich verfügen, diese jedoch wegen individueller Bedarfe oder lebensphasentypischer Herausforderungen nicht nutzen können. Um diesen Bedarfen gerecht zu werden, muss die Ausbildung selbst flexibler gestaltet werden. Deshalb wird bei "AKiro" ein modulares Ausbildungskonzept entwickelt, konkretisiert, modellhaft erprobt und evaluiert. Der DiCV bietet damit keine völlig neue Idee; vielmehr sollen bestehende Vorschläge und bereits rechtlich abgesicherte Möglichkeiten der Flexibilisierung gebündelt und konzeptionell vorangetrieben werden.
Ausbildung in Module aufteilen und flexibler gestalten
Durch den modularen Aufbau des Curriculums sollen Auszubildende Tempo, Reihenfolge und Organisation ihres Lernens an ihre individuelle Situation anpassen können. Die Lehrpläne müssen differenziert analysiert werden - idealerweise von einer dafür einzurichtenden Projektgruppe, an der sich beispielsweise die Schulen, der DiCV und das nordrhein-westfälische Ministerium für Schule und Bildung beteiligen könnten. Diese Analyse könnte die Lerninhalte verschiedenen Lernangeboten und Lernformen zuordnen: Wie bei anderen Ausbildungsformen sind Präsenzeinheiten notwendig, damit sich die Lernenden das entsprechende Wissen in festen Gruppen diskursiv und reflexiv aneignen können. Daneben sollen Lerninhalte auch in digitalen Formaten, synchron oder asynchron und ortsunabhängig von den Lernenden selbst absolviert werden können. Alternative Lernformate und Präsenztermine in Randzeiten, an Wochenenden und in Blockveranstaltungen können zudem die Vereinbarkeit der Ausbildungszeiten mit anderen Tätigkeiten erleichtern. Auch informelle Lernprozesse in der Praxis sollen systematisch genutzt und anerkannt werden, indem auch in den Einrichtungen selbst zusätzliche Reflexionsräume geschaffen werden. Solche Räume bieten die Möglichkeit, Praxiserfahrungen zu reflektieren und an (wissenschaftliche) Wissensbestände rückzukoppeln. Idealerweise wird diese Reflexion von einer externen Person unterstützt. Erstrebenswert ist darüber hinaus, dass die Lernenden in ihrem Prozess kontinuierlich begleitet werden, etwa durch Einzel- oder Gruppencoachings. Denn neben den Unterrichtsinhalten und Lernerfordernissen braucht es diese Unterstützung, um die individuellen Herausforderungen zu bewältigen und die Quote der Abbrecher:innen zu senken.
Es hakt an der Finanzierung
Leider befinden sich Vertreter:innen der freien Wohlfahrtspflege beim Fachkräftemangel häufig in einer Bredouille: Auf Fachtagen werden innovative und kluge Ideen vorgestellt und diskutiert. Mit Verantwortlichen aus der Politik werden Möglichkeiten erörtert, die Ideen umzusetzen. Pioniergeist macht sich breit - bis der Moment eintritt und deutlich wird, dass keine Refinanzierung geschaffen wird. Bereits angeschobene Modellprojekte müssen abgespeckt starten, viele Ideen werden gar nicht umgesetzt oder sind in einer modifizierten Form kaum wiederzuerkennen und entsprechend wenig wirksam. Auf Seite der freien Wohlfahrt entsteht Frust über die fehlende Umsetzbarkeit. Von der Politik ist zu vernehmen: Es fehle an Bereitschaft, vorhandene Fördermöglichkeiten auszuschöpfen.
In einer ähnlichen Situation befindet sich "AKiro": Um die Projektidee umzusetzen und gemeinsam mit ersten Schulen und dem Bildungsministerium zu beginnen, braucht es eine verlässliche Refinanzierung der geplanten Prozessbegleitung und der Praxisanleitung in den Einrichtungen. Die dafür nötigen Ressourcen haben weder die Fachschulen noch die Kitas. So wandelt sich auch dieser Beitrag von der Vorstellung einer Projektidee zu einem ermüdend oft vernehmbaren Appell: Wer dem Fachkräftemangel ernsthaft begegnen und dabei glaubwürdig für die in den Sozialgesetzbüchern verbrieften Rechte auf hochwertige, Ungleichheit abbauende, partizipativ gestaltete und verlässliche Bildung, Erziehung und Betreuung setzen will, muss investieren. Das Argument, es sei kein Geld da, unterbindet zwar noch immer erstaunlich erfolgreich viele Diskussionen. Aber im Kern ist das Argument schwach. Denn es geht um einen breiten gesellschaftlichen Diskurs. Es geht um die gerechte und sinnvolle Verteilung vorhandener Ressourcen.
1. Burstedde, A.: Die IW-Arbeitsmarktfortschreibung. Wo stehen Beschäftigung und Fachkräftemangel in den 1300 Berufsgattungen in fünf Jahren? Köln, 2023, S. 45.