Armenien, ein blutendes Land
Und plötzlich sitzt uns die Weltpolitik gegenüber: in Form von vier Frauen, die Ende 2023 aus Bergkarabach geflohen sind. Mütter, gepflegt, in Kostüm, mit Handtasche und Halstuch, die innerhalb von eineinhalb Stunden Haus und Hof verlassen mussten. Die im Bus nach Armenien gefahren sind. Vorbei an Checkpoints. Eine von ihnen sei dabei verletzt worden, deutet sie an.
Frauen im mittleren Alter aus jener Region - gerade mal doppelt so groß wie das Saarland. Bergkarabach oder "Arzach", wie es die Armenier nennen, das völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört, ganz überwiegend aber von Menschen aus Armenien bewohnt wurde.
So wie von Valentina. Benzin habe man nicht mehr kaufen können in Bergkarabach, erzählt sie, während ihre Kinder im Nachbarraum spielen. Von Dezember 2022 bis September 2023 wurde die Region abgeriegelt. Mit der Folge: Die Regale in den Geschäften seien ebenfalls leer gewesen. Eine andere Frau erzählt, ihr Sohn habe sich umbringen wollen. Und sie zeigt ein Video, das kursiere, auf dem man ihre Kleidung und Möbel auf den Straßen der früheren Heimat verteilt sieht.
Caritas international, das Hilfswerk der deutschen Caritas, war mit einer Delegation aus Deutschland in Armenien, um sich über die Lage im Land zu informieren, um Projekte zu besuchen, die von einzelnen Spendern aus dem Oldenburger Land, aber ganz stark aus dem Bistum Rottenburg-Stuttgart unterstützt werden, in der Vergangenheit auch aus dem Erzbistum Köln. Projekte beispielsweise, in denen 25 geflüchtete Frauen aus Bergkarabach in acht Sitzungen unter Anleitung einer Psychologin lernen, in der neuen Umgebung gut für sich und ihre Kinder zu sorgen. Frauen, für die neun Monate zuvor die einzige Verbindungsstraße zwischen Bergkarabach und Armenien geschlossen war. Die Menschen wurden quasi ausgehungert.
Bergkarabach ist jetzt leer
Innerhalb von zweieinhalb Tagen haben 100.000 Menschen die Region verlassen und sind nach Armenien geflüchtet. "Leer ist Bergkarabach jetzt", berichten Caritas-Mitarbeiter:innen. Niemand lebe derzeit in der sehr fruchtbaren Gegend. Ihre Vertreibung habe sie erlebt, "wie man den Wasserhahn aufdreht, das Becken volllaufen lässt und dann irgendwann den Stöpsel rauszieht", be- schreibt eine Geflüchtete.
Armenien beschreibt unser 70-jähriger Fahrer Aram als "blutendes Land". Geblutet hat es im Jahr 1915, als bei dem Völkermord durch die Türken rund eine Million Armenier zu Tode kamen. Lange war es in Armenien verboten, überhaupt darüber zu sprechen. Nur langsam hat sich die Bezeichnung und Anerkennung dieses Ereignisses als Genozid, als Völkermord, durchgesetzt. Angela Merkel war an der Gedenkstätte in Jerewan, der Hauptstadt Armeniens, ebenso wie Papst Johannes Paul II. oder unlängst Annalena Baerbock. Ein blutendes Land ist Armenien, weil es 1988 ein Erdbeben gab, bei dem 25.000 Menschen starben. Geblutet hat Armenien auch in der jüngeren Vergangenheit schon vor dem Herbst 2023 in mehreren kriegerischen Auseinandersetzungen mit Aserbaidschan um Bergkarabach.
Ein Land am und im Kaukasus, dessen Grenzen zur Türkei und zu Aserbaidschan geschlossen sind. Dessen Bewohner:innen auf direktem Wege nur nach Georgien im Nordwesten und in den Iran im Süden reisen können.
Armenien, dessen Pass gut zehn Millionen Menschen ihr Eigen nennen, von denen aber nur rund drei Millionen im Land selbst leben, davon gut eine Million in der Hauptstadt. Eine kleine Nation, die stark von der Unterstützung von außerhalb lebt, ebenso wie die Caritas Armenien. Sie wurde 1995 gegründet, derzeit arbeiten 230 Männer und Frauen in 70 Projekten für den katholischen Wohlfahrtsverband. Zu 80 Prozent sei die Organisation auf Spenden von außerhalb angewiesen, berichtet Direktor Gagik Tarasyan.
Was die größte Wunde des Landes ist, frage ich Mitarbeitende in der Zentrale. "Security", platzt es aus ihnen heraus, "migration and poverty." Sicherheit also an erster Stelle, gefolgt von Migration und Armut. Mit Migration meinen sie beispielsweise, dass viele armenische Männer als Saisonarbeiter in Russland arbeiten. In dem Land, das die frühere Schutzmacht Armeniens war.
Armut zeigt sich am stärksten im Nordwesten des Landes. 56 Gemeinden der dortigen Region Shirak seien beispielsweise nicht ans Erdgasnetz angebunden, berichtet Andreas Brender, Referent bei Caritas international. Die staubigen Wege dorthin - unvorstellbar. Schlaglöcher rütteln den Körper durch. Straßennamen - Fehlanzeige! Auch keine Nummern an den Häusern. "Jeder kennt hier jeden", erklären die Caritas-Kollegen. Wenn man jemanden sucht, fragt man einfach nach ihm.
Dann angekommen bei einer der 340 armen Familien, die gefördert durch Caritas international und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ein Solarmodul auf ihr Dach bekommen hat. Warum gerade diese Familien? Weil in der, die wir besuchen, beispielsweise niemand eine Arbeit hat. Weil mit getrocknetem Mist geheizt wird! Weil der Raum, in dem ein Holzofen mit langem Rohr in der Mitte steht, der einzige Raum ist, der im Winter beheizt werden kann. Und weil die Dusche im Keller mit warmem Wasser ein Riesenfortschritt ist, was die Hygiene und damit die Gesundheit anbelangt.
Fenster gegen Kälte und Hitze
Familie Nummer zwei, die wir besuchen: Zusätzlich zum Solarmodul hat Caritas international neue Fenster finanziert. Durch die alten hat es im Winter bei minus 20 Grad gezogen, schildern die Eltern mit ausgestreckten Armen die Luftzirkulation von der einen Fensterseite zur gegenüberliegenden. Auch gegen 40 Grad im Sommer helfen die neuen Scheiben. Davor gab es teilweise nur dicke Plastikfolien. In den Schlafzimmern: massiver Schimmelbefall. Es fehlt das Geld, um außen aufzugraben und die Wand grundlegend zu sanieren. Dazu kommt: Die Tochter ist - vermutlich nach einer Hirnhautentzündung - pflegebedürftig.
Pflegebedürftig in einer Baracke am Straßenrand
Armut - die wird auch sichtbar im Rahmen des Caritas-Projekts Hauskrankenpflege. Nur zu 20 Prozent durch die armenische Regierung finanziert helfen die Mitarbeitenden etwa der 86-Jährigen, die 42 Jahre unterrichtet hat. Zwar zähle sie mit 120 Euro Rente noch zu den Begüterten, erklären die Caritas-Kolleginnen. Die Durchschnittsrente liege bei 50, das Durchschnittseinkommen bei 160 Euro. Der Liter Milch kostet trotzdem 1,40 Euro. Dennoch lebt die Frau seit dem Erdbeben 1988 in einer Art Baracke am Straßenrand. Geschätzte zehn Quadratmeter mit Holzofen und Ofenrohr in der Mitte des vorderen Zimmers. Ein Badezimmer gibt es nicht. Die Möglichkeit zum Toilettengang irgendwo im Garten. Nur eine Übergangslösung sollte es damals sein vor 35 Jahren, damals, als die Erde bebte. Die Frage an eine ebenfalls pflegebedürftige ältere Dame in einer besseren Wohnung im zweiten Stock: "Was wäre, wenn es die Caritas mit dem Projekt der Hauskrankenpflege nicht gäbe?" Ruhige Antwort nach einem Moment des Überlegens: "They keep me alive." "Sie halten mich am Leben."
Armenien, dieses Land mit seinen feinen, klugen Menschen. Die großen Wert auf ein gepflegtes Erscheinungsbild legen. Die heutige Republik mit ihrer langen christlichen Tradition. Mit unzähligen Kirchen und Klöstern. Das Christentum, das weltweit erstmals in einem Land um 300 nach Christus zur Staatsreligion ausgerufen wurde. Armenien, das in Angst lebt davor, dass Aserbaidschan sich gewaltsam einen Korridor durch das Land bahnt und den Südwesten des Landes damit abtrennt. "If they take it", sagt eine Caritas-Kollegin, "Armenia is finished."
Caritas international
Spenden helfen Armeniern in Not
Wer die Arbeit der Caritas Armenien unterstützen will, kann spenden an:
Caritas international, Sozialbank, IBAN: DE88 6602 0500 0202 0202 02, Stichwort "Armenien"