Was ist Qualität in der Eingliederungshilfe?
"Qualitäten" sind die Eigenschaften eines Objektes, einer Sache, eines Prozesses. Gute Qualität bedeutet, dass die Eigenschaften sämtlich hochwertig, komplett und das Ergebnis gezielter Anstrengungen sind, die zu dieser Summe wünschenswerter Eigenschaften geführt haben.
Ein guter, ein qualitätvoller Wein ist etwas anderes als eine gute Aufführung der "Räuber" von Friedrich Schiller im Theater. Eine gute französische Salami kann genauso gut sein wie eine italienische, aber beide können unterschiedlichen Menschen unterschiedlich gut schmecken. Heißt: Qualität bedeutet in unterschiedlichen Kontexten Unterschiedliches; dementsprechend unterscheiden sich die Methoden, um Qualität zu beschreiben und zu messen.
Qualität ist ein Produkt, in dem fachlich-konzeptionelle Ressourcen und Rahmenbedingungen wesentlich zielführend sind. Die daraus resultierenden Prozesse bedürfen der empirischen Evaluation.
Die Frage nach der Qualität der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung erfordert aber eine weitergehende Überlegung. Menschen mit Behinderung haben in Deutschland im Rahmen der Sozialgesetzgebung Anspruch auf "Lebenshilfe" im Sinne von Inklusion und Selbstbestimmung. Sie soll ihnen ermöglichen, ihre Vorstellungen zur Gestaltung ihres Lebens zu entwickeln und umzusetzen, die sich allein aus ihrem persönlichen Empfinden und ihrem Bedarf ergeben. Dabei sollen Fachleute unterstützend tätig sein, aber nicht an die Stelle des Menschen mit Behinderung treten oder nach eigenen Vorstellungen Einfluss nehmen. Im Extremfall sind sie nur dabei, anwesend in einem kommunikativen Kontext - und tun nichts.
Nicht alles, was Sinn macht, ist auch messbar
Wie soll eine solche "Leistung" gemessen und bewertet werden? Menschen zu befähigen - im Sinn von: Potenziale erkennen und fördern - bedeutet im Unterschied zu einer rehabilitativen Behandlung keine Orientierung an einem Fortschritt ("kann wieder ohne Krücken gehen"), und auch nicht an Ergebniszielen, die in Stellenschlüsseln, Berufsqualifikationen, Betreuungsstunden oder eben "erreichten" Fähigkeiten bestehen.
Stattdessen muss sich dieses Modell orientieren an der professionellen Begleitung, die Lernanreize setzt, aber nichts erzwingt, die Erfahrungen ermöglicht, aber ohne Fixierung auf ein "Danach-besser". Selbstverständlich sind Behandlungserfolge im weiteren und engeren Sinne nicht unerwünscht, aber die Qualität der Eingliederungshilfe liegt nicht (allein) darin. In diesem Verständnis von Qualität liegt der Mehrwert in einem gelingenderen Alltag, in einem erhöhten Wohlbefinden und in einer besseren Lebensqualität. Da diese Qualitäten mit herkömmlichen Mitteln schlecht bis gar nicht messbar sind, benötigt ein entsprechendes Modell eine Ergänzung, die zunächst sachwidrig erscheint.
Die große Gefahr rehabilitationspädagogischer Bestrebungen besteht darin, dass Form, Inhalt und Einwirkungsform dazu führen können, Ziele anzustreben, die nicht im Interesse des Menschen mit Behinderung sind. Viele Menschen mit Behinderung sind antriebsschwach, in der Kommunikation und im (abstrakten) Denken eingeschränkt. Umso mehr kann - das Beste beabsichtigend - eine Förderperson wichtige Signale übersehen und letztlich ihre eigenen statt der Ziele des Menschen mit Behinderung befördern.
Ein Beispiel: Mal unterstellt, dass Kino bildet. Ein Konzept, in dem ein junger Mann mit intellektueller Beeinträchtigung regelmäßig viermal im Monat ins Kino geht, würde die Qualität festmachen an den tatsächlichen vier Besuchen im Kino. Ob die aber einen Lernanreiz oder eine Erfahrung ermöglicht haben, bleibt offen. Befähigung würde darüber hinaus bedeuten: Zunächst wird das Kinoprogramm gemeinsam mit dem jungen Cineasten verfolgt und herausgefunden, welche Themen und Genres, welche Darsteller:innen ihn interessieren. Es macht einen Unterschied, ob jemand ihn im Kino begleitet und hernach mit ihm über den Film spricht.
Diese Qualität lässt sich nicht mit dem Zählen der Kinobesuche messen. Sie kann auch nicht garantiert werden, denn die Reaktion des Menschen mit Behinderung lässt sich nicht vorbestimmen. Erreichbar ist diese Qualität aber nur, wenn dafür Ressourcen bereitstehen. Sinnvoll ist diese Art Eingliederungshilfe schon aufgrund ihrer menschen- und lebensfreundlichen Haltung. Sie kann nicht nach zwei Monaten wegen Erfolglosigkeit beendet werden.
Leistungen der Eingliederungshilfe müssen, wie alle anderen sozialen Leistungen auch, zweckmäßig, wirksam und nicht über das notwendige Maß hinaus gewährt werden. Dies kann mangels besserer Kriterien dazu führen, dass am Ende Strichlisten zu Erfolg und Misserfolg geführt werden, so dass in dieser oberflächlichen Dimension der Erfolg der Eingliederungshilfe rasch infrage stehen kann. Wo aber bleibt die eigentliche Qualität? Wie und in welchem Maß hat der Mensch mit Behinderung Selbstwirksamkeit erlebt in seinen Teilhabebemühungen, wo hat Lernen stattgefunden oberhalb der banalen Strichliste, wo hat er:sie seine:ihre Lebensziele verfolgt?
Um diese Art von Qualität zu erfassen und zu beschreiben, sind Messverfahren und Ergebnissicherungen zu entwickeln, die nicht allein aus statistischen Daten bestehen. Ein vielversprechendes Verfahren ist die Personal Outcomes Scale (POS), wie sie im Sozialwerk St. Georg zum Einsatz kommt.1 Dieses wissenschaftlich fundierte Verfahren misst die verabredeten Entwicklungsziele, ihre Maßnahmen, Umsetzung und Zielerreichung sowie Neuskalierung. Das Konzept bezieht sich auf persönliche Fähigkeiten, Lebensumstände, Teilhabeziele in einer operationalisierten und langfristig wirksamen Weise und erfasst diese Aspekte im Rahmen eines Interviews.
Vielleicht macht es auch Sinn, einen erweiterten Qualitätsbegriff einzuführen beziehungsweise in diesem Kontext zu nutzen. Nach Martha Nussbaum und Amartya Sen ist Lebensqualität wesentlich abhängig von den individuellen Verwirklichungschancen einer Person innerhalb bestimmter sozialer Gemeinschaften.2 Solche Chancen können in den Begleitungsprozessen der Eingliederungshilfe auch wachsen, wenn eingangs konkret formulierte Verwirklichungsziele verfehlt werden oder sich ändern. Über das banale (Nicht-)Erreichen hinaus geht es hier um persönliche Wachstumsprozesse, die in Zählvorgängen nicht erfassbar sind. Wer weiß, vielleicht könnte ein solches Verständnis von Dienstleistungsqualität den unproduktiven Lagerstreit zwischen Praxis und Kostenträgern ersparen.
Ein mögliches Modell, das nähere Betrachtung lohnt
Hier mag auch ein Blick auf fünf in der Positiven Psychologie genannte Aspekte weiterhelfen. Martin Seligman nennt sie die fünf Elemente, die notwendig und förderlich für das Wohlbefinden und die Lebensqualität eines Menschen sind und deren Wirksamkeit durch zahlreiche Studien unterstützt wird.3 Die Forschungsdaten lassen den Schluss zu, dass die Integration der fünf Elemente in das Leben zu einer höheren Lebensqualität beitragen kann. Das Modell von Martin Seligman umfasst "Positive Emotionen" (Glück, Freude), "Engagement" (sinnvolle Aktivitäten), "Beziehungen" (soziale Verbindungen), "Bedeutung" (Sinn im Leben) und "Erfolge" (Zielverwirklichung). Diese Aspekte sind messbar durch Umfragen, Skalen und Zielerreichung. Beispielweise ließe sich Engagement durch Fragen messen, die sich auf das Eintauchen in Aufgaben und die tiefe Konzentration beziehen. Häufig verwendet wird hier die "Flow-Skala", die das Ausmaß des Flow-Erlebens misst. Erfolge wären messbar durch das Erreichen vorher festgelegter Ziele und Meilensteine. Dies kann quantitativ (zum Beispiel Anzahl abgeschlossener Vorhaben) oder qualitativ (subjektive Bewertung des Erfolgs) erfolgen.
Dazu braucht es aber einen Konsens über die Anwendung geeigneter quantitativer und qualitativer Methoden wie Umfragen, Skalen und Zielverfolgungsinstrumente. Dann kann es gelingen, Fortschritte zu verfolgen, Interventionen zu bewerten und evidenzbasierte Ansätze zur Förderung des subjektiven Wohlbefindens und der Lebensqualität zu entwickeln.
Fünf Elemente für Wohlbefinden und Lebensqualität nach Martin Seligman
◆ Positive Emotionen: Persönliche Zuwendung erleben, Freude empfinden, aktiviert werden.
◆ Engagement: Etwas Neues tun und dabei neue Erlebnisse und Erfahrungen machen.
◆ Beziehungen: Kontakte aufbauen, Freunde finden, Unterstützung erfahren.
◆ Bedeutung: Wertschätzung erfahren, ernst genommen werden, zeigen, dass man etwas kann.
◆ Erfolge: Selbst erleben oder zugesprochen bekommen: Das habe ich erreicht und es macht mich zufrieden.
1. www.pos-misst-lebensqualitaet.de; vgl. neue caritas 1/2024, S. 25.
2. Vgl. Nussbaum, M.: Gerechtigkeit oder das gute Leben. Frankfurt/M., 1999.
3. Vgl. Seligman, M.: PERMA and the building blocks of well-being. In: The Journal of Positive Psychology, DOI: 10.1080/17439760.2018.1437466; sowie Seligman, M.: Flourish: A visionary new understanding of happiness and well-being. www.simonandschuster.com, 2011.